Viele Tierärzt:innen verlassen nicht die Tiermedizin – sondern ihre Arbeitsbedingungen
Ein Gespräch mit Achim Diekmann über Fachkräftemangel, Arbeitsrealität und Führungskultur in Tierarztpraxen.
Der Fachkräftemangel ist seit Jahren eines der meistdiskutierten Themen in der Tiermedizin. Praxen berichten über unbesetzte Stellen und steigenden Druck im Arbeitsalltag. Gleichzeitig erzählen viele angestellte Tierärzt:innen von Überstunden, Personallücken und wachsender Frustration im Beruf. Diese scheinbar widersprüchliche Situation war Ausgangspunkt für das Buch „Personalmangel durch Managementfehler“, das Achim Diekmann gemeinsam mit Oliver Noteborn veröffentlicht hat.

Dr. Elisabeth Brandebusemeyer, 1. Vorsitzende des BaT, führte ein Interview mit Diplom-Jurist Achim Diekmann, einem erfahrenen Unternehmensberater und Dozenten an der Saxion University of Applied Sciences (Enschede) und verschiedenen Fachschulen im Gesundheitswesen. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Tiermedizin, im Praxismanagement und in der beruflichen Weiterbildung hat er es sich zur Aufgabe gemacht, praxisnahe und fundierte Inhalte für die Branche bereitzustellen. Sein besonderer Fokus liegt dabei auf der Optimierung von Prozessen in Tierarztpraxen, um nachhaltige Verbesserungen im Arbeitsalltag zu ermöglichen.

Herr Diekmann, viele angestellte Tierärzt:innen berichten von hoher Arbeitsbelastung, langen Arbeitszeiten und zunehmendem Druck im Praxisalltag. Gleichzeitig hören wir von Praxisinhaber:innen immer wieder den Satz: „Wir finden einfach kein Personal mehr.“ Wie passt das zusammen?
Achim Diekmann:
Diese beiden Beobachtungen gehören tatsächlich zusammen. Viele angestellte Tierärzt:innen arbeiten heute an oder über ihrer Belastungsgrenze. Gleichzeitig haben Praxen Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter:innen zu finden oder langfristig zu halten.
Wenn man beide Perspektiven zusammendenkt, ergibt sich eine unbequeme Frage: Liegt der Personalmangel ausschließlich am Arbeitsmarkt – oder auch an den Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten sollen? Genau diese Frage haben wir im Buch „Personalmangel durch Managementfehler“ untersucht. Dabei zeigt sich: Der Arbeitsmarkt ist angespannt, aber viele Probleme entstehen innerhalb der Praxen selbst.

Das klingt nach einer deutlichen Kritik an den Strukturen in vielen Praxen.
Achim Diekmann:
Es geht weniger um Kritik als um Analyse. Die Tiermedizin hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Praxen sind größer geworden, Teams komplexer, wirtschaftlicher Druck und organisatorische Anforderungen haben deutlich zugenommen. Viele Praxisinhaber:innen befinden sich deshalb in einer Situation, in der sie gleichzeitig mehrere Rollen erfüllen müssen: Sie sind Tierärzt:in, Unternehmer:in, Personalverantwortliche:r und Organisationsleiter:in zugleich. Das ist eine enorme Herausforderung – und nicht selten führt sie dazu, dass organisatorische Aufgaben im Alltag zu kurz kommen.
Für angestellte Tierärzt:innen zeigt sich das dann häufig in ganz konkreten Situationen: kurzfristige Dienstplanänderungen, unklare Zuständigkeiten oder fehlende Zeit für Kommunikation im Team sind für viele Praxen Alltag.

Viele angestellte Tierärzt:innen berichten genau davon: dass organisatorische Aufgaben zunehmend auf sie selbst zurückfallen.
Achim Diekmann:
Das beobachten wir tatsächlich häufig. Tierärzt:innen werden hervorragend medizinisch ausgebildet – aber Themen wie Praxisorganisation, Personalführung oder betriebliche Abläufe spielen in der Ausbildung kaum eine Rolle. Wenn diese Aufgaben in der Praxis nicht klar verteilt sind, entstehen automatisch Lücken. Und diese Lücken werden im Alltag häufig von denjenigen geschlossen, die gerade verfügbar sind – oft also von den Tierärzt:innen selbst. Das führt zu einer Situation, in der medizinische Arbeit und organisatorische Verantwortung gleichzeitig bewältigt werden müssen. Für viele angestellte Tierärzt:innen bedeutet das zusätzlichen Druck.

Sie sprechen im Buch von einem „Management-Vakuum“. Was meinen Sie damit?
Achim Diekmann:
Mit diesem Begriff beschreiben wir eine Situation, die in vielen Organisationen vorkommt: Fachlich hervorragende Mitarbeiter:innen werden in Führungsrollen gebracht, ohne darauf vorbereitet zu sein. In der Tiermedizin ist das besonders häufig. Wer eine Praxis gründet oder übernimmt, tut das in erster Linie als Tierärzt:in – nicht als Manager:in. Führung wird dann oft nebenbei erledigt. Das führt zu einer paradoxen Situation: Menschen mit großer fachlicher Kompetenz tragen plötzlich Verantwortung für Teamführung, Konfliktmanagement oder Personalentwicklung, ohne dass sie dafür strukturell vorbereitet wurden.
Für angestellte Tierärzt:innen äußert sich das oft in fehlender Orientierung: Entscheidungen werden kurzfristig getroffen, Zuständigkeiten bleiben unklar, Kommunikation findet hauptsächlich unter Zeitdruck statt.

Viele Praxen versuchen derzeit gegenzusteuern – etwa mit Benefits oder zusätzlichen Angeboten. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Achim Diekmann:
Solche Angebote können durchaus sinnvoll sein. Aber sie lösen selten die grundlegenden strukturellen Fragen. Wenn Arbeitsorganisation, Dienstplanung oder Kommunikation im Team nicht funktionieren, lassen sich diese Probleme nicht durch einzelne Zusatzangebote kompensieren.
Für viele angestellte Tierärzt:innen sind andere Faktoren entscheidend: Planbare Arbeitszeiten, ein verlässlicher Dienstplan und klare Kommunikation. Und nicht zuletzt die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln. Wenn diese Grundlagen stimmen, entsteht automatisch eine attraktivere Arbeitsumgebung.

Gerade junge Tierärzt:innen scheinen heute stärker auf Arbeitsbedingungen zu achten. Beobachten Sie das auch?
Achim Diekmann:
Ja, und ich halte das für eine sehr gesunde Entwicklung. Viele junge Tierärzt:innen haben gesehen, wie stark Arbeit das Leben ihrer Vorgängergeneration geprägt hat. Sie stellen heute bewusst die Frage, unter welchen Bedingungen sie langfristig arbeiten möchten. Dabei geht es nicht nur um Work-Life-Balance, sondern vor allem um professionelle Arbeitsstrukturen. Viele wollen ihren Beruf mit Engagement ausüben – aber sie möchten nicht dauerhaft in einem Umfeld arbeiten, das organisatorisch permanent im Krisenmodus läuft.

Sie sprechen also nicht von mangelnder Belastbarkeit, sondern von veränderten Erwartungen?
Achim Diekmann:
Genau. Es wäre zu einfach, das Verhalten jüngerer Generationen als mangelnde Belastbarkeit zu interpretieren. Vielmehr beobachten wir, dass Menschen heute stärker darauf achten, ob ihre Arbeit sinnvoll organisiert ist und ob Führung transparent und nachvollziehbar erfolgt. Das ist letztlich eine Professionalisierung der Arbeitskultur.

Welche Rolle spielt dabei die Führung?
Achim Diekmann:
Führung spielt eine ganz zentrale Rolle. Führung bedeutet nicht nur, Entscheidungen zu treffen. Sie bedeutet vor allem, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gute Arbeit leisten können. Dazu gehört es, im Team die Rollenverteilung klar zu regeln und transparent zu kommunizieren. Vor allem muß eine realistische Arbeitsplanung sichergestellt werden. Und: eine Kultur, in der Probleme offen angesprochen werden können. Wenn diese Faktoren fehlen, entsteht schnell Frustration – selbst in Teams mit hoher fachlicher Kompetenz.

Was würden Sie angestellten Tierärzt:innen raten, die über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken?
Achim Diekmann:
Es lohnt sich, bei der Wahl eines Arbeitsplatzes genauer hinzuschauen. Neben Gehalt oder Standort sind auch andere Faktoren bedeutsam: Wie ist die Praxis organisiert? Wie werden Dienstpläne erstellt? Wie werden Entscheidungen im Team getroffen? Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es? Praxen, die solche Fragen transparent beantworten können, bieten meist auch langfristig stabilere Arbeitsbedingungen.

Und was würden Sie Praxisinhaber:innen raten?
Achim Diekmann:
Sie sollten bereit sein, sich selbst und die Organisation ihrer Praxis kritisch zu hinterfragen. In vielen Fällen liegt der Schlüssel in den eigenen Strukturen. Ein sinnvoller erster Schritt kann sein, sich drei einfache Fragen zu stellen: Was wollen meine Mitarbeiter:innen? Was können sie? Und was brauchen sie, um ihre Arbeit langfristig gut zu machen?
Genauso wichtig ist aber auch die Perspektive der angestellten Tierärzt:innen. Sie sollten sich bewusst machen, dass gute Arbeitsbedingungen kein Zufall sind. Wer einen Arbeitsplatz wählt, sollte deshalb nicht nur auf Gehalt oder Standort schauen, sondern auch auf Organisation, Dienstplanung und Kommunikationskultur.
Wenn beide Seiten — Praxisinhaber:innen und angestellte Tierärzt:innen — beginnen, diese Fragen offen zu stellen, entsteht der erste Schritt aus dem Kreislauf von Überlastung und Personalmangel heraus. Genau darum geht es letztlich auch in unserem Buch: die organisatorischen Zusammenhänge sichtbar zu machen, die häufig hinter dem Schlagwort „Fachkräftemangel“ verborgen bleiben.
Wir bedanken uns herzlich bei Achim Diekmann für das interessante Gespräch.
| Zum Buch: Achim Diekmann, Oliver Noteborn: Personalmangel durch Managementfehler Mopperia Köln, 2025. ISBN 978–3‑9826783–4‑4. € 19,50 |
