Die unbequeme Realität moderner flächendeckender Tiermedizin
Eine persönliche Reaktion auf die SWR- Reportage „Tierisch teuer- was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ (19.5.26/ ARD- Mediathek)

Am 19.05.2026 veröffentlichte der SWR die Reportage mit dem oben genannten Titel, in der verschiedene Folgen der gestiegenen Tierarztkosten seit der GOT- Novelle im Jahr 2022 beleuchtet werden. Da sowohl die darin gezeigten Fälle bzw. befragten Personen als auch die betreffenden Umstände ein sehr einseitiges Bild der Thematik zeichnen, möchte ich als angestellte Tierärztin mich zu diesem Bericht positionieren. Für mich ist es wichtig, nach dieser Veröffentlichung eine Einordnung der tatsächlichen Kostenstrukturen, der Verantwortung der Tierhaltenden sowie der Herausforderungen moderner Tiermedizin in Deutschland zu geben.
Um was geht es in der viel diskutierten Reportage zur tiermedizinischen Versorgung wirklich – und welche Kritikpunkte sind berechtigt? Wie stellt sich die aktuelle Situation in der Tiermedizin nach Anpassung der GOT 2022 dar und welche Herausforderungen prägen den Praxisalltag heute?
Inhalte der Reportage
Der Bericht thematisiert stark steigende Tierarztkosten und lässt hierbei mehrere Tierhaltende zu Wort kommen, die durch hohe Tierarztrechnungen finanziell und emotional belastet sind. Im Mittelpunkt stehen vor allem Einzelfälle mit sehr hohen Behandlungskosten – z.B intensive stationäre Behandlungskosten von Katzen, langwierige Klinikaufenthalte bei multimorbiden Pferden sowie Tierkrankenversicherungen, die keine Kosten (mehr) übernehmen.
In den 45 Minuten kommt aber auch die Vereinigung Deutscher Tierhalter (VDTH) zu Wort, die die Erhöhung der tierärztlichen Gebühren als „tierwohlgefährdend“ und unverhältnismäßig einstuft. Zudem werden Investoren und Klinikketten hinsichtlich ihrer Behandlungsstrategien befragt und kritisiert, der wirtschaftliche Druck bei praktischen Tierärzt:innen, die fehlende Transparenz bei Rechnungen sowie abschließend die Forderung nach politischen Änderungen der GOT aufgegriffen. Als Stimmen kommen neben den Tierhaltenden, den Vertretern des VDTH und der Country Medical Direktorin von IVC Evidensia, Dr. Bianca Kornmaier, noch Heiko Färber, Hauptgeschäftsführer des bpt, ein Unternehmensberater sowie eine (!) Tierärztin einer Einzelpraxis zu Wort.
Die zentrale Botschaft für den Zuschauer ist am Ende: moderne Tiermedizin ermöglicht heute mehr Diagnostik und Therapien als früher- ob dies jedes Mal zum Wohle des Patienten geschieht, bleibt offen. Gleichzeitig steigen die Tierarztkosten dadurch erheblich und machen Tierhaltung in vielen Fällen zu einem Luxusgut.
Status Quo der tiermedizinischen Versorgung — hat die neue GOT alles verbessert?
Die „alte“ Gebührenordnung der Tierärzte (GOT) stammte im Wesentlichen aus dem Jahr 1999 und ist auf Grund der fortlaufenden Kostensteigerungen und fehlender Behandlungen als veraltet angesehen worden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ließ 2020 eine Studie erstellen, die belegte, dass viele tierärztliche Leistungen mit den bisherigen Gebühren im einfachen Satz wirtschaftlich nicht mehr tragfähig waren. Zudem waren viele modernere Leistungen in der GOT nicht oder nur teilweise enthalten. Berücksichtigt wurden erstmals Personalaufwand, Miete, Geräte, Verbrauchsmaterial, Dokumentation, Hygienestandards, Fortbildungen und Bereitschaftsdienste. In einer Zeit, in der sich der Tierärztemangel immer mehr zuspitzte und flächendeckende medizinische Versorgung vielerorts nicht mehr möglich war, sollte die neue GOT aus dem Jahr 2022 unter anderem bessere Gehälter für die Mitarbeitenden ermöglichen, Praxen und Kliniken wirtschaftlich tragfähig halten und moderne Medizin abbilden. Seit der GOT- Erhöhung sind Entwicklungen sichtbar, jedoch bleiben Tierärzt:innen nach wie vor hinter dem Verdienst der meisten akademischen Gruppen zurück (siehe Arbeitsbedingungen angestellter Tierärzte 2025).
Zudem erlebe ich persönlich nach wie vor eine hohe Arbeitsbelastung, gravierende Mängel beim Arbeitsschutz, fehlende Karriereperspektiven sowie eine unbefriedigende Dienstplangestaltung. Trotz Notdienstgebühr und Anhebung der Sätze sind Einrichtungen mit 24/7 Notfallversorgung seit Jahren rückläufig und in einigen Regionen kann gar kein Notdienst mehr angeboten werden- eine prekäre Lage für Tiere und ihre Besitzer. Diskussionen um die GOT dienen also nicht nur der Wirtschaftlichkeit und somit dem Versorgungsniveau in der Tiermedizin, sondern machen auch die aktuellen Herausforderungen (Versorgungslücken, Fachkräftemangel, Personalaufwand je nach Qualitätsstandards etc.) sichtbarer.
Kritik an der Reportage
Bereits der Einstieg in die Reportage suggeriert, dass steigende Tierarztkosten primär Folge überzogener willkürlicher Abrechnung seien. Hierbei wird nicht thematisiert, dass Investitionen in Ausstattung, gestiegene Personal- und Energiekosten, Notdienststrukturen und höhere Erwartungen von Besitzern Hauptursache hierfür sind. Zudem sind die Fälle im Bericht multimorbide Extremfälle, welche für den Zuschauer nicht den Standard abbilden- langwierige stationäre Aufenthalte, Komplikationen sowie schwierige Diagnosefindung können zu hohen Kosten führen, da diese mit einem sehr großen Aufwand verbunden sind. Dass in der Intensivmedizin durch dauerhafte Medikamentengabe, stationärer Überwachung und Ernährung per Magensonde bzw. Bluttransfusionen hoher Personal- und technischer Aufwand notwendig ist, wird nicht eingeordnet, sondern finanzielles Interesse der Kliniken suggeriert. Für den Zuschauer gibt es kaum eine Möglichkeit, die medizinischen Verläufe der Fälle und Komplikationen fachlich einzuordnen, da nicht zwischen Grunderkrankung, Folgeerkrankung, Operationen, stationären Aufenthalten und konservativen Behandlungsversuchen differenziert wird. Stattdessen äußern sich fachfremde Personen bzw. Verbände, indem sie die Abrechnung beurteilen.
Mit reißerischen Sätzen wie „übertrieben hohe Tierarztrechnungen“ oder „Schuld an hohen Rechnungen hat letztendlich der, der sie schreibt“ wird eine Willkür in der tierärztlichen Abrechnung suggeriert. Hierbei fehlt die Einordnung, dass die GOT bewusst Spielräume für eine individuelle Kalkulation vorsieht- etwa in Abhängigkeit von Personalaufwand, Standort, Öffnungszeiten, Qualifikationen, Ausstattung etc. Ohne diese Flexibilität fehlt den Einrichtungen ein wichtiges Instrument für ihre Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt den Erhalt eines 24/7 Notdienstes.
Zusätzlich ist das Anspruchsdenken der Besitzer:innen in den letzten Jahren immer mehr gestiegen. Moderne Bildgebung, Fachzentren, dauerhafte Erreichbarkeit (von Fachpersonal), Inhouse- Diagnostik, stationäre Betreuung bei gleichzeitig kurzen Anfahrtswegen werden mittlerweile vorausgesetzt, ohne die Folgen- nämlich höhere Kosten- für die gehobenen Standards zu überblicken und zu akzeptieren. Die Frage des Reporters „zurück zur Basismedizin?“ bleibt letztlich unbeantwortet.
Besonders irritierend ist die Einordnung einer Kollegin, die als Praktikerin mit Einzelpraxis vor allem Vorgehen und Preisgestaltung der Kliniken und Fachzentren bewertet- ungeachtet des personellen Aufwands, Narkosemanagement, Facharztbesetzung, Ausstattung, Öffnungszeiten etc. Den GOT- Posten der intravenösen Injektion z.B. als „Spritzchen“ abzutun ohne dem Laien die Zusammensetzung der Kosten (Vorbereitung, Durchführung, Dokumentation etc) zu erläutern ist ein höchst fragwürdiges kollegiales Verhalten. Auch die kritische Diskussion von chirurgischen Eingriffen bei Heimtieren – gefilmt ohne Schmerzausschaltung, Narkoseüberwachung und venösen Zugang für Narkosezwischenfälle- wird fachlich nicht hinterfragt, sondern als überzogener Standard größerer Einrichtungen dargestellt. Wenn Tierärzt:innen aus den eigenen Reihen bewusst niedrige Sätze abrechnen, Positionen gar nicht in Rechnung stellen und nicht lege artis arbeiten, wird ein falsches Signal bei Besitzern gesetzt; zudem ist eine GOT Unterschreitung ein berufsrechtliches Vergehen und steht im Kontrast zur Verordnung GOT.
Und nicht zuletzt fehlt in der Reportage vor allem die Nennung eines wichtigen Faktums: die Verantwortung der Tierhaltenden. Es wird der Eindruck vermittelt, die Betroffenen wären den hohen Rechnungen regelrecht ausgeliefert. Dabei wird nicht erwähnt, dass Kosten und Prognose in der Regel laufend kommuniziert werden bzw. aktiv nach Kosten gefragt werden kann, Versicherungen sinnvoll sind und Tierhaltung generell kostenintensiv sein kann. Gerade Pferdehaltung ist nicht nur auf Grund der tierärztlichen Versorgung sondern im Kontext Unterbringung, Fütterung sehr kostenintensiv und gleichzeitig wird in anderen Bereichen wie Rassehundezucht, Spezialfutter, Lifestyleprodukte sowie Accessoires weniger über Preise diskutiert als bei guter tiermedizinischer Versorgung.
Worüber sollten wir eigentlich diskutieren?
Man hätte eine Reportage solcher Reichweite weniger dafür nutzen können, die wenigen verbliebenen Tierärzt:innen als geldgierig darzustellen und vielmehr zu hinterfragen, welche Art der tiermedizinischen Versorgung heutzutage gesellschaftlich gewollt ist. Moderne Tiermedizin zu gerechtfertigten Preisen oder Basismedizin, die nicht auf dem neuesten Stand ist? Wie wird flächendeckende medizinische Versorgung und ein funktionierendes Notdienstangebot gewährleistet, wenn schlecht bezahlte Tierärzt:innen zusätzlich noch mangelnder Wertschätzung und ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt sind? Oder wer übernimmt den Notdienst wenn immer weniger Tierärzt:innen in der Praxis arbeiten wollen? Welche Verantwortung tragen Besitzer:innen selbst, nicht zuletzt bei der Anschaffung bestimmter (vorbelasteter) Rassen, bei Pferden oder bei Vorsorgeuntersuchungen? Ebenfalls sollte die Notwendigkeit von Versicherungen mehr Aufklärung erhalten, da sie bei kostenintensiven Fällen oft eine große Entlastung darstellen.
Vor der nächsten „Recherche“ für eine Reportage, wäre es sinnvoll sich mit allen Facetten des tierärztlichen Berufs zu beschäftigen (z.B. mit der hohen Suizidrate!)- dann ist die Botschaft vielleicht weniger reißerisch, trägt dafür aber zu einem besseren Verständnis der Gesellschaft für die aktuelle Lage bei.
Dr. Eva Strüve, prakt. Tierärztin und BaT-Mitglied
Weitere Stimmen zur SWR-Dokumentation



Die offizielle Stellungnahme des Bund angestellter Tierärzte e.V. zur Weiterentwicklung der Tierärztlichen Gebührenordnung ist in folgendem Artikel zu finden:
GOT 2026 im Fokus: BaT-Positionen zu Kosten und medialer Darstellung

Außerdem interessant:
In „Die Wahrheit über Tierarztkosten – Unsere Antwort auf die SWR-Doku ‚Tierisch teuer‘!“ von @allesfürdietiergesundheit und @Der Tierarzt – Dr. Karim Montasser kommen auch die 1. BaT-Vorsitzende Dr. Elisabeth Brandebusemeyer und der 2. BaT-Vorsitzende Christian Wunderlich zu Wort.

