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Die unbequeme Realität moderner flächendeckender Tiermedizin

11. Sep. 2026

Eine per­sön­li­che Reak­ti­on auf die SWR- Repor­ta­ge „Tie­risch teu­er- was hin­ter den hohen Tier­arzt­kos­ten steckt“ (19.5.26/ ARD- Media­thek)

Am 19.05.2026 ver­öf­fent­lich­te der SWR die Repor­ta­ge mit dem oben genann­ten Titel, in der ver­schie­de­ne Fol­gen der gestie­ge­nen Tier­arzt­kos­ten seit der GOT- Novel­le im Jahr 2022 beleuch­tet wer­den. Da sowohl die dar­in gezeig­ten Fäl­le bzw. befrag­ten Per­so­nen als auch die betref­fen­den Umstän­de ein sehr ein­sei­ti­ges Bild der The­ma­tik zeich­nen, möch­te ich als ange­stell­te Tier­ärz­tin mich zu die­sem Bericht posi­tio­nie­ren. Für mich ist es wich­tig, nach die­ser Ver­öf­fent­li­chung eine Ein­ord­nung der tat­säch­li­chen Kos­ten­struk­tu­ren, der Ver­ant­wor­tung der Tier­hal­ten­den sowie der Her­aus­for­de­run­gen moder­ner Tier­me­di­zin in Deutsch­land zu geben.

Um was geht es in der viel dis­ku­tier­ten Repor­ta­ge zur tier­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung wirk­lich – und wel­che Kri­tik­punk­te sind berech­tigt? Wie stellt sich die aktu­el­le Situa­ti­on in der Tier­me­di­zin nach Anpas­sung der GOT 2022 dar und wel­che Her­aus­for­de­run­gen prä­gen den Pra­xis­all­tag heu­te?

Inhalt

Togg­le
  • Inhal­te der Repor­ta­ge
  • Sta­tus Quo der tier­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung — hat die neue GOT alles ver­bes­sert?
  • Kri­tik an der Repor­ta­ge
  • Wor­über soll­ten wir eigent­lich dis­ku­tie­ren?
  • Wei­te­re Stim­men zur SWR-Doku­men­ta­ti­on

Inhalte der Reportage

Der Bericht the­ma­ti­siert stark stei­gen­de Tier­arzt­kos­ten und lässt hier­bei meh­re­re Tier­hal­ten­de zu Wort kom­men, die durch hohe Tier­arzt­rech­nun­gen finan­zi­ell und emo­tio­nal belas­tet sind. Im Mit­tel­punkt ste­hen vor allem Ein­zel­fäl­le mit sehr hohen Behand­lungs­kos­ten – z.B inten­si­ve sta­tio­nä­re Behand­lungs­kos­ten von Kat­zen, lang­wie­ri­ge Kli­nik­auf­ent­hal­te bei mul­ti­mor­bi­den Pfer­den sowie Tier­kran­ken­ver­si­che­run­gen, die kei­ne Kos­ten (mehr) über­neh­men. 

In den 45 Minu­ten kommt aber auch die Ver­ei­ni­gung Deut­scher Tier­hal­ter (VDTH) zu Wort, die die Erhö­hung der tier­ärzt­li­chen Gebüh­ren als „tier­wohl­ge­fähr­dend“ und unver­hält­nis­mä­ßig ein­stuft. Zudem wer­den Inves­to­ren und Kli­nik­ket­ten hin­sicht­lich ihrer Behand­lungs­stra­te­gien befragt und kri­ti­siert, der wirt­schaft­li­che Druck bei prak­ti­schen Tierärzt:innen, die feh­len­de Trans­pa­renz bei Rech­nun­gen sowie abschlie­ßend die For­de­rung nach poli­ti­schen Ände­run­gen der GOT auf­ge­grif­fen. Als Stim­men kom­men neben den Tier­hal­ten­den, den Ver­tre­tern des VDTH und der Coun­try Medi­cal Direk­to­rin von IVC Evi­den­sia, Dr. Bian­ca Korn­mai­er, noch Hei­ko Fär­ber, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des bpt, ein Unter­neh­mens­be­ra­ter sowie eine (!) Tier­ärz­tin einer Ein­zel­pra­xis zu Wort.


Die zen­tra­le Bot­schaft für den Zuschau­er ist am Ende: moder­ne Tier­me­di­zin ermög­licht heu­te mehr Dia­gnos­tik und The­ra­pien als frü­her- ob dies jedes Mal zum Woh­le des Pati­en­ten geschieht, bleibt offen. Gleich­zei­tig stei­gen die Tier­arzt­kos­ten dadurch erheb­lich und machen Tier­hal­tung in vie­len Fäl­len zu einem Luxus­gut.

Status Quo der tiermedizinischen Versorgung — hat die neue GOT alles verbessert?

Die „alte“ Gebüh­ren­ord­nung der Tier­ärz­te (GOT) stamm­te im Wesent­li­chen aus dem Jahr 1999 und ist auf Grund der fort­lau­fen­den Kos­ten­stei­ge­run­gen und feh­len­der Behand­lun­gen als ver­al­tet ange­se­hen wor­den. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft ließ 2020 eine Stu­die erstel­len, die beleg­te, dass vie­le tier­ärzt­li­che Leis­tun­gen mit den bis­he­ri­gen Gebüh­ren im ein­fa­chen Satz wirt­schaft­lich nicht mehr trag­fä­hig waren. Zudem waren vie­le moder­ne­re Leis­tun­gen in der GOT nicht oder nur teil­wei­se ent­hal­ten. Berück­sich­tigt wur­den erst­mals Per­so­nal­auf­wand, Mie­te, Gerä­te, Ver­brauchs­ma­te­ri­al, Doku­men­ta­ti­on, Hygie­ne­stan­dards, Fort­bil­dun­gen und Bereit­schafts­diens­te. In einer Zeit, in der sich der Tier­ärz­te­man­gel immer mehr zuspitz­te und flä­chen­de­cken­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung vie­ler­orts nicht mehr mög­lich war, soll­te die neue GOT aus dem Jahr 2022 unter ande­rem bes­se­re Gehäl­ter für die Mit­ar­bei­ten­den ermög­li­chen, Pra­xen und Kli­ni­ken wirt­schaft­lich trag­fä­hig hal­ten und moder­ne Medi­zin abbil­den. Seit der GOT- Erhö­hung sind Ent­wick­lun­gen sicht­bar, jedoch blei­ben Tierärzt:innen nach wie vor hin­ter dem Ver­dienst der meis­ten aka­de­mi­schen Grup­pen zurück (sie­he Arbeits­be­din­gun­gen ange­stell­ter Tier­ärz­te 2025).

Zudem erle­be ich per­sön­lich nach wie vor eine hohe Arbeits­be­las­tung, gra­vie­ren­de Män­gel beim Arbeits­schutz, feh­len­de Kar­rie­re­per­spek­ti­ven sowie eine unbe­frie­di­gen­de Dienst­plan­ge­stal­tung. Trotz Not­dienst­ge­bühr und Anhe­bung der Sät­ze sind Ein­rich­tun­gen mit 24/7 Not­fall­ver­sor­gung seit Jah­ren rück­läu­fig und in eini­gen Regio­nen kann gar kein Not­dienst mehr ange­bo­ten wer­den- eine pre­kä­re Lage für Tie­re und ihre Besit­zer. Dis­kus­sio­nen um die GOT die­nen also nicht nur der Wirt­schaft­lich­keit und somit dem Ver­sor­gungs­ni­veau in der Tier­me­di­zin, son­dern machen auch die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen (Ver­sor­gungs­lü­cken, Fach­kräf­te­man­gel, Per­so­nal­auf­wand je nach Qua­li­täts­stan­dards etc.) sicht­ba­rer.

Kritik an der Reportage

Bereits der Ein­stieg in die Repor­ta­ge sug­ge­riert, dass stei­gen­de Tier­arzt­kos­ten pri­mär Fol­ge über­zo­ge­ner will­kür­li­cher Abrech­nung sei­en. Hier­bei wird nicht the­ma­ti­siert, dass Inves­ti­tio­nen in Aus­stat­tung, gestie­ge­ne Per­so­nal- und Ener­gie­kos­ten, Not­dienst­struk­tu­ren und höhe­re Erwar­tun­gen von Besit­zern Haupt­ur­sa­che hier­für sind. Zudem sind die Fäl­le im Bericht mul­ti­mor­bi­de Extrem­fäl­le, wel­che für den Zuschau­er nicht den Stan­dard abbil­den- lang­wie­ri­ge sta­tio­nä­re Auf­ent­hal­te, Kom­pli­ka­tio­nen sowie schwie­ri­ge Dia­gno­se­fin­dung kön­nen zu hohen Kos­ten füh­ren, da die­se mit einem sehr gro­ßen Auf­wand ver­bun­den sind. Dass in der Inten­siv­me­di­zin durch dau­er­haf­te Medi­ka­men­ten­ga­be, sta­tio­nä­rer Über­wa­chung und Ernäh­rung per Magen­son­de bzw. Blut­trans­fu­sio­nen hoher Per­so­nal- und tech­ni­scher Auf­wand not­wen­dig ist, wird nicht ein­ge­ord­net, son­dern finan­zi­el­les Inter­es­se der Kli­ni­ken sug­ge­riert. Für den Zuschau­er gibt es kaum eine Mög­lich­keit, die medi­zi­ni­schen Ver­läu­fe der Fäl­le und Kom­pli­ka­tio­nen fach­lich ein­zu­ord­nen, da nicht zwi­schen Grund­er­kran­kung, Fol­ge­er­kran­kung, Ope­ra­tio­nen, sta­tio­nä­ren Auf­ent­hal­ten und kon­ser­va­ti­ven Behand­lungs­ver­su­chen dif­fe­ren­ziert wird. Statt­des­sen äußern sich fach­frem­de Per­so­nen bzw. Ver­bän­de, indem sie die Abrech­nung beur­tei­len.

Mit rei­ße­ri­schen Sät­zen wie „über­trie­ben hohe Tier­arzt­rech­nun­gen“ oder „Schuld an hohen Rech­nun­gen hat letzt­end­lich der, der sie schreibt“ wird eine Will­kür in der tier­ärzt­li­chen Abrech­nung sug­ge­riert. Hier­bei fehlt die Ein­ord­nung, dass die GOT bewusst Spiel­räu­me für eine indi­vi­du­el­le Kal­ku­la­ti­on vor­sieht- etwa in Abhän­gig­keit von Per­so­nal­auf­wand, Stand­ort, Öff­nungs­zei­ten, Qua­li­fi­ka­tio­nen, Aus­stat­tung etc. Ohne die­se Fle­xi­bi­li­tät fehlt den Ein­rich­tun­gen ein wich­ti­ges Instru­ment für ihre Wirt­schaft­lich­keit und nicht zuletzt den Erhalt eines 24/7 Not­diens­tes.

Zusätz­lich ist das Anspruchs­den­ken der Besitzer:innen in den letz­ten Jah­ren immer mehr gestie­gen. Moder­ne Bild­ge­bung, Fach­zen­tren, dau­er­haf­te Erreich­bar­keit (von Fach­per­so­nal), Inhouse- Dia­gnos­tik, sta­tio­nä­re Betreu­ung bei gleich­zei­tig kur­zen Anfahrts­we­gen wer­den mitt­ler­wei­le vor­aus­ge­setzt, ohne die Fol­gen- näm­lich höhe­re Kos­ten- für die geho­be­nen Stan­dards zu über­bli­cken und zu akzep­tie­ren. Die Fra­ge des Repor­ters „zurück zur Basis­me­di­zin?“ bleibt letzt­lich unbe­ant­wor­tet.

Beson­ders irri­tie­rend ist die Ein­ord­nung einer Kol­le­gin, die als Prak­ti­ke­rin mit Ein­zel­pra­xis vor allem Vor­ge­hen und Preis­ge­stal­tung der Kli­ni­ken und Fach­zen­tren bewer­tet- unge­ach­tet des per­so­nel­len Auf­wands, Nar­ko­se­ma­nage­ment, Fach­arzt­be­set­zung, Aus­stat­tung, Öff­nungs­zei­ten etc. Den GOT- Pos­ten der intra­ve­nö­sen Injek­ti­on z.B. als „Spritz­chen“ abzu­tun ohne dem Lai­en die Zusam­men­set­zung der Kos­ten (Vor­be­rei­tung, Durch­füh­rung, Doku­men­ta­ti­on etc) zu erläu­tern ist ein höchst frag­wür­di­ges kol­le­gia­les Ver­hal­ten. Auch die kri­ti­sche Dis­kus­si­on von chir­ur­gi­schen Ein­grif­fen bei Heim­tie­ren – gefilmt ohne Schmerz­aus­schal­tung, Nar­ko­se­über­wa­chung und venö­sen Zugang für Nar­ko­se­zwi­schen­fäl­le- wird fach­lich nicht hin­ter­fragt, son­dern als über­zo­ge­ner Stan­dard grö­ße­rer Ein­rich­tun­gen dar­ge­stellt. Wenn Tierärzt:innen aus den eige­nen Rei­hen bewusst nied­ri­ge Sät­ze abrech­nen, Posi­tio­nen gar nicht in Rech­nung stel­len und nicht lege artis arbei­ten, wird ein fal­sches Signal bei Besit­zern gesetzt; zudem ist eine GOT Unter­schrei­tung ein berufs­recht­li­ches Ver­ge­hen und steht im Kon­trast zur Ver­ord­nung GOT.

Und nicht zuletzt fehlt in der Repor­ta­ge vor allem die Nen­nung eines wich­ti­gen Fak­tums: die Ver­ant­wor­tung der Tier­hal­ten­den. Es wird der Ein­druck ver­mit­telt, die Betrof­fe­nen wären den hohen Rech­nun­gen regel­recht aus­ge­lie­fert. Dabei wird nicht erwähnt, dass Kos­ten und Pro­gno­se in der Regel lau­fend kom­mu­ni­ziert wer­den bzw. aktiv nach Kos­ten gefragt wer­den kann, Ver­si­che­run­gen sinn­voll sind und Tier­hal­tung gene­rell kos­ten­in­ten­siv sein kann. Gera­de Pfer­de­hal­tung ist nicht nur auf Grund der tier­ärzt­li­chen Ver­sor­gung son­dern im Kon­text Unter­brin­gung, Füt­te­rung sehr kos­ten­in­ten­siv und gleich­zei­tig wird in ande­ren Berei­chen wie Ras­se­hun­de­zucht, Spe­zi­al­fut­ter, Life­sty­le­pro­duk­te sowie Acces­soires weni­ger über Prei­se dis­ku­tiert als bei guter tier­me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung.

Worüber sollten wir eigentlich diskutieren?

Man hät­te eine Repor­ta­ge sol­cher Reich­wei­te weni­ger dafür nut­zen kön­nen, die weni­gen ver­blie­be­nen Tierärzt:innen als geld­gie­rig dar­zu­stel­len und viel­mehr zu hin­ter­fra­gen, wel­che Art der tier­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung heut­zu­ta­ge gesell­schaft­lich gewollt ist. Moder­ne Tier­me­di­zin zu gerecht­fer­tig­ten Prei­sen oder Basis­me­di­zin, die nicht auf dem neu­es­ten Stand ist? Wie wird flä­chen­de­cken­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und ein funk­tio­nie­ren­des Not­dienst­an­ge­bot gewähr­leis­tet, wenn schlecht bezahl­te Tierärzt:innen zusätz­lich noch man­geln­der Wert­schät­zung und unge­recht­fer­tig­ter Kri­tik aus­ge­setzt sind? Oder wer über­nimmt den Not­dienst wenn immer weni­ger Tierärzt:innen in der Pra­xis arbei­ten wol­len? Wel­che Ver­ant­wor­tung tra­gen Besitzer:innen selbst, nicht zuletzt bei der Anschaf­fung bestimm­ter (vor­be­las­te­ter) Ras­sen, bei Pfer­den oder bei Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen? Eben­falls soll­te die Not­wen­dig­keit von Ver­si­che­run­gen mehr Auf­klä­rung erhal­ten, da sie bei kos­ten­in­ten­si­ven Fäl­len oft eine gro­ße Ent­las­tung dar­stel­len.

Vor der nächs­ten „Recher­che“ für eine Repor­ta­ge, wäre es sinn­voll sich mit allen Facet­ten des tier­ärzt­li­chen Berufs zu beschäf­ti­gen (z.B. mit der hohen Sui­zid­ra­te!)- dann ist die Bot­schaft viel­leicht weni­ger rei­ße­risch, trägt dafür aber zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis der Gesell­schaft für die aktu­el­le Lage bei.


Dr. Eva Strü­ve, prakt. Tier­ärz­tin und BaT-Mit­glied

Weitere Stimmen zur SWR-Dokumentation




Die offi­zi­el­le Stel­lung­nah­me des Bund ange­stell­ter Tier­ärz­te e.V. zur Wei­ter­ent­wick­lung der Tier­ärzt­li­chen Gebüh­ren­ord­nung ist in fol­gen­dem Arti­kel zu fin­den: 


GOT 2026 im Fokus: BaT-Posi­tio­nen zu Kos­ten und media­ler Dar­stel­lung



Außer­dem inter­es­sant:

In „Die Wahr­heit über Tier­arzt­kos­ten – Unse­re Ant­wort auf die SWR-Doku ‚Tie­risch teu­er‘!“ von @allesfürdietiergesundheit und @Der Tier­arzt – Dr. Karim Mon­tas­ser kom­men auch die 1. BaT-Vor­sit­zen­de Dr. Eli­sa­beth Bran­de­bu­se­mey­er und der 2. BaT-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Wun­der­lich zu Wort.

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